Böse Dinge
Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks

Donnerstag, 16. Juli 2009 bis Montag, 11. Januar 2010

Die Ausstellung "Böse Dinge - eine Enzyklopädie des Ungeschmacks" benutzte ein 100 Jahre altes System zur Kategorisierung von Geschmacksverirrungen, wobei die Dinge nicht nur einem Geschmacksurteil unterworfen, sondern eine ethisch motivierte Bewertung ihrer Herstellung, Konstruktion und Erscheinung vorgenommen wurde. Historische "Hausgreuel" wurden zeitgenössischen Designobjekten bis hin zur Massenware gegenübergestellt und damit ein Spannungsfeld erzeugt, das Fragen zu unserem Wertesystem den Dingen gegenüber eröffnet.
 

"Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen."

Mit diesem Ziel eröffnete der Museumsdirektor Gustav E. Pazaurek 1909 im Stuttgarter Landesgewerbemuseum seine "Abteilung der Geschmacksverirrungen". Er entwickelte dafür eine komplexe Systematik zur Einordnung von Gestaltungsfehlern aller Art, um sie am Gegenstand selbst zu entlarven. Entsprechend der Philosophie des Deutschen Werkbunds ging Pazaurek von einem starken Einfluss der Dinge auf den Menschen aus, im ästhetischen wie ethisch-moralischen Sinne.

Meerschweinchen, Exponat der Sonderausstellung "Böse Dinge"

Für seinen Fehlerkatalog bediente er sich einer drastischen Nomenklatur, die heute zu Recht befremdet. Die strafrechtlichen Kategorien, mit denen Pazaurek die Dinge etikettierte, lesen sich wie eine Metaphorik des Bösen. Die Bösartigkeit der Dinge bezieht sich dabei nicht auf Taten, die mit ihnen ausgeführt werden könnten, nicht auf ihren Zweck oder ihren Zeichencharakter, sondern auf das Böse bzw. Schlechte, das sich in ihrer Ausführung, Gestaltung und in ihrer Funktionsfähigkeit manifestiert.

Die Ausstellung versuchte erstmals eine Rekonstruktion der "Abteilung der Geschmacksverirrungen" und zeigte über 50 Leihgaben aus der Originalsammlung des Landesmuseums Württemberg. Darüber hinaus nahm sie Pazaureks Systematisierung als Ausgangspunkt, um aktuelle Gestaltungstendenzen zu untersuchen. Eine Auswahl zeitgenössischer Produkte – von der Massenware bis zum Designerstück – wurde deshalb den historischen Objekten gegenübergestellt.
Meerschweinchen, Exponat der Sonderausstellung "Böse Dinge"

Im Zeitalter des Stilpluralismus scheint es heute unmöglich, eindeutige Kriterien des "guten" oder "schlechten" Geschmacks auszumachen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch erstens, dass Pazaureks Richtlinien unverändert auf zahllose zeitgenössische Gegenstände anwendbar sind, bei denen dabei gleichzeitig ein spielerischer und ironischer Umgang mit Gestaltung erkennbar wird und zweitens, dass moralische Kriterien im Zusammenhang mit einem neuen Konsumentenbewusstsein wieder wichtig werden. Jedoch sind heutige "Verbrechen" den Dingen nicht in erster Linie anzusehen, weil sie sich nicht in der Konstruktion, dem Material oder dem Dekor offenbaren, sondern im Kontext von sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren liegen. Pazaureks Fehlerkatalog wurde deswegen um neue Kategorien ergänzt.

Im letzten Teil der Ausstellung wurde der Besucher eingeladen, im Spannungsfeld zwischen dem Spielerischen und dem Moralischen seine eigenen "bösen" Dinge einzuordnen und die Enzyklopädie fortzuschreiben.


In unserer Publikationsreihe "Schaukasten" ist ein Buch zur Ausstellung erschienen.