Vortrag von Johanna Hartmann:
Moderne Häuslichkeit sehen lernen. Raumfiguren des „neuen wohnens“

03. Mai 2017, 19 Uhr, Eintritt frei
Plakat zur Werkbundausstellung "neues wohnen", Köln 1949, Gestaltung: Jupp Ernst.

Plakat zur Werkbundausstellung "neues wohnen", Köln 1949, Gestaltung: Jupp Ernst.

Mit der Ausstellung „neues wohnen“ auf dem Messegelände Köln-Deutz trat der Werkbund im Frühsommer 1949 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf eine größere öffentliche Bühne. Eine sogenannte „Standardschau“ ausgesuchter Möbel und Alltagsgegenstände sollte das ästhetische Empfinden potenzieller Käufer_innen neuer Wohnungseinrichtungen schulen. Das Hauptexponat der Ausstellung war eine von Jupp Ernst und Josef Lucas entworfene „Einraumwohnung für das Existenzminimum“.  Die in der Ausstellungshalle aufgebaute kleine Schauwohnung gibt allerdings einige Rätsel auf. Zu sehen gegeben wurde nicht – obwohl in Texten zur Ausstellung immer von einer „Wohnung“ die Rede war – ein Raumkörper, der die Gesamtstruktur einer Wohnung umfasste, sondern eine nach drei Seiten offene Installation ohne Hinweise auf einen Grundriss, ausgestattet mit einer sehr reduzierten Einrichtung, die kaum zur Vorführung eines Wohnalltags dienen konnte. Der Vortrag im Rahmen der Sonderausstellung gern modern? Wohnkonzepte für Berlin nach 1945 fragt danach, was hier eigentlich gezeigt wurde. In einer Lektüre verschiedener Medien der Ausstellung, insbesondere Fotografien, Plakat und Katalog, kann dabei das „neue wohnen“ verständlich werden als  komplexe Raum- und Bildanordnung, in der nicht nur eine radikal moderne, an das Neue Bauen der 1920er Jahre anknüpfende Wohnung vorgeführt wurde, sondern auch eine essenzialisierende Figur des Hauses Platz findet, die als Verortung von Heimat fungiert und die sich in einer bildgewaltigen Permanenz durch die vielen verschiedenen Medien zieht, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg ein explizit modernes Wohnen gelehrt wurde.

Johanna Hartmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik der Universität Bremen in Kooperation mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender und ist Mitglied des dort angesiedelten Forschungsfelds wohnen +/−ausstellen. Sie hat Gender Studies und Lateinamerikanistik in Berlin und Sussex studiert und promoviert derzeit mit einer Arbeit über Lehrstücke des Wohnens in den 1950er Jahren in der BRD. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Konzepte von Raum, Subjektivität, Körper und Geschlecht in Diskursen des Wohnens und der Stadt mit einem besonderen Fokus auf der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Jüngste Publikationen: „How to Set a Table (and Other Things): On the Aesthetics and Politics of a Postwar West German Film about Domestic Work“, in: Interiors. Design, Architecture, Culture, Volume 5, Issue 2, 2014; „Möbel, Pläne Körper. Lehrstücke des Wohnens in den 1950er Jahren“, in: Irene Nierhaus, Andreas Nierhaus (Hg.): Wohnen Zeigen. Modelle und Akteure des Wohnens in Architektur und visueller Kultur, Bielefeld: transcript 2014, S. 39–55 (Schriftenreihe wohnen+/–ausstellen, Bd. 1); „Figuren der Stadt. Lektüre einer Wohnungsbau-Broschüre“, in: Nordico Stadtmuseum (Hg.), „Hitlerbauten“ in Linz. Wohnsiedlungen zwischen Alltag und Geschichte. 1938 bis zur Gegenwart, Salzburg: Anton Pustet 2012, S. 180–196.