Erotik der Dinge
Sammlungen zur Geschichte der Sexualität

Donnerstag, 3. Mai 2018 bis Montag, 27. August 2018
Zigarettenetui und -anzünder mit Darstellung einer Frau
Zigarettenetui und -anzünder mit Darstellung einer Frau ca. 1920Leihgabe Naomi Wilzig Art CollectionFoto: Robert Harbour
Ausstellungsansicht der Sonderausstellung Erotik der Dinge, Foto: Olivia Kwok

Ausstellungsansicht der Sonderausstellung Erotik der Dinge, Foto: Olivia Kwok

Was macht Dinge erotisch? Ist es die explizite Darstellung von nackten Körpern und sexuellen Praktiken? Oder die implizite Anspielung und Anmutung, die sich aus Form, Farbe und Materialität der Dinge selbst ergibt? Manche Dinge sind von Anfang an für den erotischen Gebrauch bestimmt, andere werden erst nachträglich erotisiert.

Während Aktfiguren als Repliken respektabler Werke der Kunstgeschichte Eingang in viele Wohnzimmer gefunden haben, waren Erotika vielfach von Zensur, Tabu und Verbot betroffen. Die Unterscheidung zwischen Erotik, Kunst und Pornografie war stets im Wandel und hatte entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung und Einordnung sexuell aufgeladener Dinge.

Magnus Hirschfeld in der Bibliothek des Instituts für Sexualwissenschaft (o.J.) © Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin

Magnus Hirschfeld in der Bibliothek des Instituts für Sexualwissenschaft (o.J.) © Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin

Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Sammlungen der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935) und Alfred C. Kinsey (1894-1956) sowie der Kunstsammlerin Naomi Wilzig (1934-2015). Sie alle verstanden erotische Dinge als Zeugnisse einer universalen Sexualgeschichte des Menschen. Für Hirschfeld und Kinsey war – neben Fallgeschichten, Interviews und statistischen Beobachtungen – das Sammeln und Klassifizieren von Objekten ein zentraler Aspekt ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sexualität. Naomi Wilzig sammelte themenbezogen und verstand ihre Sammlung als Beitrag zur sexuellen Aufklärung und Liberalisierung.

In der Ausstellung werden die Klassifikationssysteme der Sammler_innen nicht nachgestellt, sondern eine Auswahl von Alltagsgegenständen aus den Sammlungen nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten neu angeordnet: Liebesmittel, Werkzeuge der Lust, Körperformen, Bildträger sind die Leitbegriffe. Dabei werden die vorgefundenen Objekttypen mit weiteren Leihgaben und museumseigenen Exponaten ergänzt. 

Rote Helmschnecke Cypraecassis rufa, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann

Rote Helmschnecke Cypraecassis rufa, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann

Die Ausstellung thematisiert die Erotisierung von Dingen als kulturelle Praxis und versucht zu ergründen, was ihre erotische Qualität ausmacht. Die Form der Dinge, deren Körperähnlichkeit und die Phantasie sie zu berühren, tragen entscheidend zur erotischen Wirkung von Dingen bei, ob es sich um Naturobjekte oder Artefakte handelt. Die Gestaltung von Alltagsobjekten greift dabei oft – bewusst oder unbewusst – auf primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zurück. Das taktile Versprechen bestimmter Materialarten wie Leder, Seide, Fell, Lack, Latex, Nylon und Metall scheint eine besondere Anziehungskraft auszuüben. Fragen zur Erotik im Material werden im interaktiven »sensing materials lab« nachgegangen, das über die Ausstellungszeit wächst.

Vibrator „Minamo“  TENGA Co. Ltd, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann

Vibrator „Minamo“ TENGA Co. Ltd, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann

Sexualwissenschaft und Psychoanalyse haben die Erotisierung von Dingen und die Fixierung auf bestimmte Objekte mit dem Begriff des Fetischismus bezeichnet und dieses Verhalten lange Zeit pathologisiert. Hirschfeld sprach hingegen freundlich von erotischen Dingen auch als „Liebesmitteln“. Heutzutage produziert eine ganze Industrie Objekte, die euphemistisch als Spielzeug benannt werden.

Die Ausstellung Erotik der Dinge zeigt ganz unterschiedliche erotische Beziehungen, die Menschen mit Dingen eingehen können. Bestimmte Gegenstände können Lust und Begehren wecken, erotische Phantasien provozieren und zu Werkzeugen der eigenen Lust werden. Das zeigen auch die Kunstwerke von Stephanie Sarley und Marc Martin.

Erotik der Dinge ist eine Gemeinschaftsausstellung der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Werkbundarchiv – Museum der Dinge aus Anlass des 150. Geburtstags von Magnus Hirschfeld in Kooperation mit dem Kinsey Institute und dem World Erotic Art Museum. Sie ist das erste in einer Reihe von kooperativen Forschungs- und Ausstellungsprojekten, welche die Forschungsstelle mit der Sammlung des von Naomi Wilzig gegründeten World Erotic Art Museum durchführt.

„sensing materials lab“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der weißensee kunsthochschule berlin, Bereich Experimentelle Materialforschung, und der Stiftung Bauhaus Dessau. Das Lab ist Teil des interdisziplinären Forschungsprojekts „smart materials satellites“.

Visuelles Erscheinungsbild und Ausstellungsgrafik: Rose Apple, Wolfgang Schneider

Medienpartner: DAS MAGAZIN & form


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