Wie die Weissenhofsiedlung entstand

Bodo Rasch

Mies kam 1926 nach Stuttgart. Er arbeitete damals in unserem Büro, das in Heslach (in der Böblinger Straße neben der Polizeiwache) , im Hintergebäude eines Lebensmittelladens lag. Im Erdgeschoß war noch ein Hühnerstall, oben arbeiteten wir.
Mein Bruder Heinz hatte Mies in Berlin kennengelernt. Er hatte in einem Artikel den von Mies entworfenen Verkehrsturm in der Friedrichstraße in Berlin kritisiert: Die Straße sei dafür zu eng. Mies kam zu ihm, um ihm seine Meinung zu sagen. Daraus entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung, die Mies in unser Stuttgarter Büro führte. 

Die Genehmigung zum Bau der Weißenhofsiedlung durch den Gemeinderat im Frühjahr 1926 war ziemlich aufregend. Es hing immer an irgendwelchen Sachen. Den Gemeinderat hatte man dann rumgekriegt. Da war ein Architekt Behr, Stadtbaurat und Fraktionsführer der SPD, ein ehrgeiziger Architekt. Er wollte groß bauen auf der Weißenhofsiedlung. Er hat es dann geschafft. Man hat ihm gesagt: "Bau Du Deinen Schönblick dahin, so groß und mächtig, wie Du willst" Durch diese Konzession an die Politik war die Zustimmung der SPD-Fraktion gesichert. Er baute dann mehr Wohnungen, als die ganze Weißenhofsiedlung umfaßte. Doch der ganze Schönblick-Komplex ist gar nicht interessant.

Bei den Deutsch-Nationalen war H. Fink Fraktionsführer, der in seiner Buchdruckerei dann die drei Weißenhofbücher druckte. Dessen Fraktion stimmte auch zu.

Dann wurde vom Gemeinderat verlangt, daß mehrere Stuttgarter Architekten mitbeschäftigt werden; zunächst die "Stuttgarter Schule" überhaupt - die sind dann ausgeschieden. Dann sollten noch zwei dabei sein. Ausgewählt wurden Döcker und Schneck (beides Werkbundmitglieder). Schieber und Schoch, die Erbauer des Hahn-&-Kolb-Hauses wären infrage gekommen, doch sie waren gerade in Amerika. Das Nicht-Hereinnehmen von Keuerleber in den Kreis der Weißenhofarchitekten war sicher nachteilig für die Atmosphäre insgesamt. Keuerleber war ehrgeizig und hätte sich bestimmt anpassen können; das hätte Mies sich zunutze machen sollen. 

Willi Baumeister war damals eine wesentliche Stütze bei dem Unternehmen. Und auch Hans Hildebrandt, damals noch voll gesund.

Mies ging bei der Auswahl der Teilnehmer sehr sorgfältig vor. In erster Linie wurden Architekten aus dem "Ring" beteiligt.

Kontakte bestanden zu gleichgesinnten Architekten im Ausland, die sich auch an der Zeitschrift "G" beteiligt hatten, von der Mies nur 3 Nummern herausbringen konnte.

Die meisten dieser Architekten waren zwischen 35 und 45 Jahre alt, nur Peter Behrens und Hans Poelzig waren 1926 bereits 58 bzw. 57 Jahre alt.

Adolf Loos, damals 56jährig, an dessen Teilnahme zuerst gedacht war, konnte nicht mitmachen. (Er baute 1926-27 in Paris das Haus für Tristan Tzara). Auch Hugo Häring konnte nicht kommen. (Die Reihenhäuser der Siedlung Fischtalgrund in Berlin-Zehlendorf waren 1926-27 im Bau und das Haus Max Woythaler in Berlin kam 1927 zur Ausführung).

Alles mußte sehr schnell gehen, obwohl die Siedlung von Anfang an als Dauerwohnanlage geplant war. Doch es gab damals leistungsfähige Firmen mit einer Stamm-Mannschaft, die auch bei kurzer Bauzeit ihre Termine pünktlich hielten. Poelzig hatte z.B. für das "Capitol am Zoo" in Berlin nach 4 Wochen Planung nur 3 Monate Bauzeit. Und noch 1936 wurde die Firma Epple aus Stuttgart nach Berlin gerufen, wenige Wochen vor Eröffnung der Olympiade das Olympische Dorf zu bauen.

Die Weißenhofsiedlung setzte seinerzeit Maßstäbe für die Mindestausstattung der Wohnung. Mies hatte darauf bestanden, daß jedes Haus zentral beheizt wurde und Bad und WC erhielt. Viele Ideen einer variablen Raumnutzung wurden vorgeführt. So hatte Mies in zwei Wohnungen die offene Grundrißform mit sehr schönen Sperrholzwandteilen erprobt, die vom Fußpunkt aus zwischen Boden und Decke eingespannt wurden. Das waren Vorarbeiten zum Barcelona-Pavillon.

Wir durften im Mies-Haus in ähnlicher Form eine Wohnung einrichten mit Wandplatten, die ringsum durch ein Holzprofil eingefaßt waren. Rading baute Faltwände im Wohn- und Eßbereich ein.

Die Ausstellung beschränkte sich nicht auf die Bauten, sie hieß "Die Wohnung". Die Inneneinrichtungen aus einfachen, vom "Gschnas", wie Josef Frank es nannte, befreiten Möbeln sollten der Bevölkerung zeigen, wie der moderne Mensch lebt. Neue Baumaterialien wurden an den Objekten und auf einem Ausstellungsgelände vorgeführt. Unter anderem ein Reihenhaus nach dem von Ernst May in Frankfurt am Main eingeführten Fertigbausystem.

Folgerichtig kamen drei Bücher zur Ausstellung heraus, alle im "Akademischen Verlag Dr. Fr. Wedekind & Co." in Stuttgart: "Bau und Wohnung", mit den Beschreibungen der Architekten, "Innenräume" zusammengestellt von Werner Gräff, dem Mies aufgrund der Zusammenarbeit an der Zeitschrift "G" die Ausstellung "Propaganda" übertragen hatte und "Wie Bauen?" von meinem Bruder und mir mit einem Vorwort von Adolf Behne.

Im Bereich der Innenarchitektur wurde der Verzicht auf komplette Zimmereinrichtungen propagiert, - keine Herrenzimmereinrichtung, Eßzimmereinrichtung, Schlafzimmereinrichtung mehr, sondern nur noch Einzelmöbel, die jeder nach seinem Bedarf und Geschmack zusammenstellt.

Wir sahen unsere Aufgabe darin, durch solide gefertigte, den neuen Fabrikationsmethoden angepaßte Möbel auch dem einfachen Arbeiter ein Gebrauchsgerät zu schaffen, das allen Ansprüchen genügt - ihn von dem Ballast zu befreien, mit dem er sich durch das Schielen auf großbürgerliche Prestigeeinrichtungen immer wieder umgab.

Diese Anregungen zur Einrichtung wurden von der Intellektuellen-Schicht aufgegriffen. Doch diejenigen, denen wir helfen wollten, blieben beim bekannten Alten, zu sehr eingebunden in die hergebrachten Verhaltensmuster. Hier lag damals und liegt heute noch eine pädagogische Aufgabe, die schon in der Schule einsetzen müßte.

Ähnliches zeigte sich beim Bezug der Wohnungen nach der Ausstellung. (Die Baukosten der Experimentalbauten und die daraus errechneten Mieten lagen etwa 30% über dem ortsüblichen ohnehin recht hohen Niveau). Eine fast homogene Gruppe geistig sehr aufgeschlossener Bürger zog in die Siedlung, die erst dann auseinanderbröckelte, als der drohende Abriß durch die Nationalsozialisten und 1939 schließlich die Kündigung die Mieter auseinandertrieb.


Zitiert aus: Die Zwanziger Jahres des Deutschen Werkbunds
Reihe: Werkbund-Archiv, Nr. 10