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strahlend grau – herbert hirche zum 100. geburtstag
21.05. - 25.10.2010
Die Ausstellung präsentiert den
Nachlass Herbert Hirches (20.5.1910 – 28.1.2002) und feiert den
Architekten, Möbel- und Produktdesigner als einen der prägenden
Werkbund-Gestalter der deutschen Nachkriegszeit.
Zum 100. Geburtstag packt das Archiv seine Schätze aus: Zeichnungen,
Skizzen, Pläne, Briefe und Fotos eröffnen neue Einblicke in das Leben
und Werk Herbert Hirches. Zum ersten Mal werden - neben einer Auswahl
seiner Möbel - auch Hirches Studienarbeiten aus dem Unterricht bei
Kandinsky und Mies van der Rohe am Bauhaus zu sehen sein ebenso wie
frühe Möbelentwürfe aus den 1940er und 1950er Jahren und nicht
ausgeführte Varianten des legendären Fernsehgeräts HF 1 für die Firma
Braun.
"Lasst uns maßhalten!" war das Motto eines Musterkoffers mit 45
Grau-Proben, der dem verehrten Lehrer Herbert Hirche zum 52. Geburtstag
von seinen Mitarbeitern und ehemaligen Studenten überreicht wurde - mit
augenzwinkernder Ironie kommentierten sie Hirches Haltung der
Zurückhaltung und seine Vorliebe für die Farbe Grau. Hirche war kein
Propagandist der eigenen Arbeit. Wie die Braun-Apparate "stille Helfer
und Diener" (Erwin Braun) sein sollten, so wollte Hirche mit seinen
Möbeln und Bauten dem Menschen selbst größtmögliche Freiräume bieten.
Der Ausstellungstitel "strahlend grau" ist in diesem Sinne als eine
Metapher zu verstehen für die Sachlichkeit und Neutralität der Entwürfe
Hirches und zugleich für deren diskrete Eleganz.
|  | | Grüner Schalensessel, 1957, für Walter Knoll,
Re-Edition 2010 Richard Lampert, Foto: Richard Becker, © Richard Lampert | Als Sohn eines Stellmachers in Görlitz geboren, studierte Hirche nach
Wandervogel-jugend, Tischlerlehre und Wanderschaft ab 1930 am Bauhaus in
Dessau und Berlin und wurde nach dessen Schließung im Jahr 1933
Mitarbeiter von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich, später von
Egon Eiermann. Nach dem Krieg arbeitete Hirche unter Hans Scharoun an
der Aufbau-Planung von Berlin und wurde Mitglied der sich neu formierenden
Berliner Werkbund-Gruppe.
Herbert Hirche war für viele dem Werkbund verbundene Firmen tätig,
darunter Wilkhahn, Holzäpfel, Walter Knoll und Wilde+Spieth. Ab 1955
entwickelte er –
weit weniger bekannt als Hans Gugelot und Dieter Rams – Musik- und
Fernsehmöbel für die Firma Braun, die schon im darauffolgenden Jahr in
die serielle Fertigung gingen. Herbert Hirche ist einer der Pioniere des
neuen Braun-Designs, mit deren Entwürfen die Firma Braun international
Erfolgsgeschichte schrieb.
|  | | Barwagen, 1956, Firma Christian Holzäpfel | Der disziplinierten Zurückhaltung der Braun-Produkte entsprechen Hirches
Bauten und die schlichten Möbel und Räume, die er unter anderem für die
Interbau 1957 in Berlin entworfen hat. Auch auf den Mailänder
Triennalen, der Weltausstellung in Brüssel 1958 und der documenta 1964
waren seine Arbeiten als Musterbeispiele einer vom Werkbund propagierten
neuen (west-)deutschen Produktkultur ausgestellt. Die junge Demokratie
entsandte die Dinge als Botschafter eines besseren Deutschlands ins
Ausland. Arbeiten eines Entwerfers wie Herbert Hirche waren aufgrund
seiner Biografie in idealer Weise geeignet, an die moderne, moralisch
unbelastete Tradition der Vorkriegszeit anzuknüpfen, die Geschichte
zwischen 1933 und 1945 zu negieren und das utopische Potenzial in der
Aufbruchsstimmung jener Jahre wahrzunehmen.
Der Aufbau der
kriegszerstörten Städte, die Etablierung einer zeitgemäßen Wohnform und
die Qualität der jetzt massenhaft einsetzenden industriellen Produktion
waren die zentralen Anliegen des Werkbunds nach 1945: Mit "Wie wohnen?"
in Stuttgart (1949), "Gute Industrieform" in Mannheim (1952) und
"Schönheit der Technik" in Stuttgart im darauf folgenden Jahr gestaltete
Hirche einige der wichtigsten Ausstellungen zum Thema.
|  | | Blauer Schalensessel, 1955, Firma Walter Knoll | Herbert
Hirche war Lehrer an der neu gegründeten Hochschule für angewandte Kunst
in Berlin-Weißensee. Er plante Anfang der 1950er Jahre eine am Bauhaus
orientierte Werkakademie in Mannheim (die nicht realisiert wurde, weil
die Landesmittel an die Ulmer Hochschule für Gestaltung gingen) und
wurde 1952 an die Stuttgarter Akademie für Bildende Künste berufen als
Professor für Innenarchitektur und Möbelbau. Hirche war Mitglied des
Rats für Formgebung und wurde – als Ratgeber und Mentor – die "graue
Eminenz" des jungen Verbands Deutscher Industriedesigner.
In der
Ausstellung "strahlend grau" werden die historischen Entwürfe mit
aktuellen materiellen Aneignungen konfrontiert: Lange nahezu in
Vergessenheit geraten, werden Hirches Möbel, die teilweise über ein
Prototypstadium nie hinausgekommen waren, seit einigen Jahren in Serie
produziert und als "Klassiker" vermarktet. Auf der diesjährigen
Möbelmesse erhielt die Wiederauflage eines Sessels, den Hirche 1957 für
die Interbau entwickelt hatte, den "Classic Innovation"- Preis.
Retro-Trend, Re-Edition und Re-Design: Der Markt erfindet den "modernen
Klassiker", das Gebrauchsmöbel der 1950er Jahre mutiert zur
"Design-Ikone". Mit der Ausstellung soll auch die Frage diskutiert
werden, wie, wo und durch wen bestimmt wird, wer und was ins kollektive
Gedächtnis aufgenommen wird.
"strahlend grau - herbert hirche zum
100. geburtstag" markiert den Auftakt zu einer geplanten
Ausstellungsreihe, die das im Werkbundarchiv – Museum der Dinge bewahrte
Erbe in den Blick nehmen will.
Zum Abschluss der Ausstellung
wird in den Räumen des Werkbundarchiv - Museum der
Dinge eine Tagung zum Thema "Individuelles Erbe und kollektive
Bedeutung" (Arbeitstitel) stattfinden.
Der Museumsladen wird im Rahmen des DMY International Design Festival
Berlin 2010 Hirche - Möbel der aktuellen Produktion - Wiederauflagen
sowie Re-Design - zeigen.
Zur Ausstellung ist eine Dokumentation
geplant.
Mehr zu Leben und Werk von Herbert Hirche erfahren Sie hier.
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