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Diskussionsveranstaltung

Wie viele Dinge braucht der Mensch?

am 16. April 2015, 20 Uhr
Werkbund Galerie, Goethestraße 13, 10623 Berlin

Begrüssung
Christoph Fleckenstein, Werkbund Berlin

Einführung
Hermann Glaser, Kulturwissenschaftler, Publizist
Textauszüge aus seinem Buch
„Mitbringsel – 55 kleine Geschenke und ihre Kulturgeschichte“

Diskussion
mit Hermann Glaser und
Thomas Flierl, Kultursenator a.D.
Renate Flagmeier, Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Cornelia Hentschel, Stiftung Industrie- und Alltagskultur

Hermann Glaser
VON DEN DINGEN
Wie viele und welche Dinge der Mensch braucht, um ein glückliches Leben zu führen, ist ein stetes Thema der Philosophie und Anthropologie seit ihren Anfängen. Diogenes von Sinope, um 400 v. Chr. geboren, habe sich – so die Anekdote – als Wohnsitz mit einer Tonne begnügt; er galt als Kyniker, ein Denker, der dem Postulat der Autarkie bis zur Verneinung in gesellschaftlicher Konventionen anhing; Besitztümer hätten da nur die Unabhängigkeit beeinträchtigt. Nicht nur im christlichen Abendland, auch im asiatischen Bereich hätten Philosophen und Religionsstifter, die sich mit vielen Dingen umgeben und diesen angehangen hatten, Misstrauen erweckt. Armut, also Dinglosigkeit, war Zeichen des Auserwähltseins und zeugte für Gefühls- und Gedankenreichtum.
Den normalen Menschen, selbst denjenigen, die im Prekariat leben, langt das natürlich nicht im Geringsten. Welche Dinge sind also notwendig? Was muss zum Beispiel jeweils in den Einkaufswagen gelegt werden, wenn man den Gang in die Konsumparadiese antritt? Das ist zu überlegen, wenn man den Einkaufszettel schreibt und dabei nachsieht, was vom Haushaltsgeld noch vorhanden ist.
Aber man zahlt nicht nur monetär. „Die Vielfalt unserer Besitztümer erkaufen wir zum einen durch eine ungeheure und mittlerweile an ihre Grenzen stoßende Naturverschwendung, die sich freilich kaum im Geldwert der Produkte ausdrückt: Die Preise sagen ‚Kauf mich‘, aber sie sagen nicht die ökologische Wahrheit.
Zum anderen ist unsere heutige Idee von Wohlstand durch immer weiter wachsenden Konsum nicht nur ökologisch unhaltbar, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Bedürfnisbefriedigung äußerst fragwürdig.“ (Ernst Ulrich von Weizsäcker)
Das Bewusstsein von den „Ding-Hypotheken“, was man bei Käufen an Lebensmöglichkeit vernichtet, wenn man nicht eine gewisse Kauf- Askese übt, ist bei aller ökologischen Diskussion noch unterentwickelt. Man kann sogar eine Verschärfung der Wegwerfmentalität feststellen: Reparaturen werden, weil Ersatzteile unrentabel sind und gar nicht mehr zur Verfügung stehen, immer seltener. Gleich wegwerfen und Neues anschaffen – lautet die Parole.
Also: Welche Dinge braucht der Mensch, wenn er antizipatorisch denkt? Das Kulturgefälle mag anregen, seine jeweiligen Konsum- und Kaufgewohnheiten kritisch zu überprüfen. Der Erwerb der Dinge darf nicht leicht gemacht werden, sonst geht Wertschätzung verloren; aber er muss stattfinden können. Wer jeden Preis zahlen kann, vermag das Erworbene nicht zu „taxieren“. Aus dem „Fehl-Bedarf“ heraus das Schöne zu erlangen, verleiht diesem die Aura der Würde und der Anmut.
Damit wir den Dingen nicht anheimfallen, sie uns aber zur Heimeligkeit verhelfen, bedarf es immer wieder der Inventur – der Bestandsaufnahme: Was für uns Bestand hat, ohne uns zu erdrücken; was wir inkorporieren können, ohne dabei anästhetisiert zu werden; was unsere Kreativität nutzen kann, damit ein Mehr-Wert entsteht, der über die Materialität des Dinges hinausführt.
Welche Dinge braucht der Mensch? Warum braucht der Mensch Dinge? Weil, so Rainer Maria Rilke, sie Halt geben und Haltung inmitten existentiellen Geworfenseins ermöglichen. Sie bewirken als Gegen-Stand, der in der persönlichen Aneignung (Identität abstützend) zum Mit-Stand wird, seelische Stabilität.
Dingliche Verfeinerung ist keine Sache des Geldbeutels, sondern Ergebnis der „ästhetischen Erziehung des Menschen“, die (etwa in den Schulen) den Versuch unternimmt, das Gefühl für Anmut und Würde (Friedrich Schiller) vor der Warenästhetik mit ihrem deodoranten Frischwärts und wahlloser Shopping-Manie zu bewahren. Dazu, neben sublimierender Pädagogik, auch die Anstiftung zu einfachen sinnlichen Vergnügen an und in einer Idyllik, die wiederum nicht durch kostspielige Dinge und Genüsse geprägt ist, sondern durch die Fähigkeit zu Freude und Heiterkeit.

Das Buch „Mitbringsel – 55 kleine Geschenke und ihre Kulturgeschichte“ ist im Verlag ars vivendi erschienen.

Eine Veranstaltung des Deutschen Werkbundes und des Werkbundarchivs - Museum der Dinge in Kooperation mit der Buchhandlung Bücherbogen.
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