Kabinett des Unbekannten

Freitag, 21. Juli 2017 bis Montag, 11. September 2017
Berliner Schlüssel, Photo: Armin Herrmann.

Berliner Schlüssel, Foto: Armin Herrmann.

Ein Objekt, das nichts von sich preisgibt, weckt Interesse und wirft viele Fragen auf... Warum gibt es einen Schlüssel mit zwei symmetrischen Bärten an beiden Enden anstatt des einen üblichen Schlüsselbarts? Warum sollte man solch einen Schlüssel benutzen und wofür? Wenn dieser Schlüssel zu einer Tür gehört, welche Räume/Parteien verbindet und trennt diese Tür?

Nach einer Recherche unter Schlüsselmachern und alteingesessenen Berlinern wurde das Rätsel um diesen speziellen Schlüssel für die Kuratorin schliesslich gelöst: es handelt sich um den “Berliner Schlüssel”, über den schon der zeitgenössische Philosoph Bruno Latour einen Text geschrieben hat. 

Der Berliner Schlüssel (oder Durchsteckschlüssel) ist ein zweiseitiger Schlüssel, der dazu dient, “die Menschen zu zwingen, ihre Türen abzuschließen (in der Regel eine Haupteingangstür oder ein Tor, das in einen gemeinsamen Hof oder in ein Mietshaus führt)” und der den Hauswart ersetzen sollte – den Hauswart, dessen Aufgabe es war, die Haustür nach Bedarf die ganze Nacht zu öffnen. Als Instrument der Machtausübung eröffnete der Schlüssel zwei unterschiedliche Perspektiven und steht für eine Reihe binärer Verhältnisse: zwischen Innen und Außen; Mieter und Besitzer; Institutionen und Publikum.

Unknown Object, Photo: Armin Herrmann.

Unbekanntes Ding. Foto: Armin Herrmann.

Mit dem Berliner Schlüssel als “Schlüssel”-Objekt erforscht das geplante Ausstellungsprojekt das Unbekannte, indem Wissen über Dinge prozesshaft erforscht wird und neue Beziehungen geknüpft werden: zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, dem Museum im Hinterhof und der Straße. 

Unknown Object, Photo: Armin Herrmann.

Unbekanntes Ding. Foto: Armin Herrmann.

Das Projekt stellt das Museum in den Mittelpunkt und bearbeitet drei Hauptaspekte – die Institution, ihre Sammlung und ihre Community – in konzentrischen Kreisen. Der Fokus bewegt sich vom Museum weg und erfasst in drei Stufen ein neues Publikum. Der Blick verlagert sich vom Zentrum in die Peripherie und richtet die Aufmerksamkeit von den bereits klassifizierten Objekten weg und hin zu undefinierten Objekten.
 
Mit anderen Worten: Das Projekt setzt sich mit der Umgebung des Museums in der Oranienstraße und mit den unbekannten Objekten in seiner wissenschaftlich bearbeiteten Sammlung auseinander. Es macht die unbekannten Objekte des Museums (sowie das Museum selbst) für die Umgebung sichtbar.

Die Arbeit mit unbekannten bzw. undefinierten Sammlungsobjekten bietet einen alternativen Ansatz, um eine Verbindung mit der örtlichen Community herzustellen. Außerdem  wird so im Besucherumfeld ein neues Verständnis für die Stellung des Museums insbesondere in der Wissensproduktion geschaffen. 

Dazu verfolgt das Projekt drei Richtungen:

1. Die “unbekannten” Museumsobjekte ausfindig zu machen
2. Die “unbekannten” Nachbarn in der Oranienstraße kennenzulernen
3. Das Museum als das “unbekannte” Objekt in der Nachbarschaft zu begreifen.

In der langen Tradition musealer Praxis gelten Museen als Institutionen der Wissensvermittlung. In der Museologie ist Wissen ein vom Museum angebotenes Gut, wobei der Besucher üblicherweise an die Richtigkeit dieser Informationen glaubt. Und es ist die Aufgabe eben jener Machtmechanismen von denen die Museen ein Teil sind, dass sie als ultimative Wissensanbieter mit umfassender erkenntnistheoretischer Weisheit wahrgenommenen werden.

Vor diesem Hintergrund wird das Museum der Dinge, das in Bezug auf Taxonomie und Wissensproduktion bereits ein unkonventionelles Museum ist, durch das Projekt angeregt, seine fragile Seite offenzulegen und mit seiner Community zu teilen. Als Ausgangspunkt bezieht das Projekt das gesamte Museumsteam ein und fragt, welche Museumobjekte den Mitarbeitern selbst unbekannt und fremd sind. Analog zum sogenannten “Ripple Effect” wird das Museumsteam gebeten, je einen Ort, eine Person, eine Organisation oder ein Geschäft in der Oranienstraße zu benennen (wie zum Beispiel den unbekannten Nachbarn), der, die oder das ihnen entweder unbekannt ist oder das ihre Neugier weckt, dass sie es ihren Kollegen vorstellen möchten.

Unknown Object, Photo: Armin Herrmann.

Unbekanntes Ding. Foto: Armin Herrmann.

In einem zweiten Schritt lädt das Projekt dann diese vom Museumsteam ausgewählten “unbekannten” Nachbarn ein, um mit den Randbereichen der eigenen Sammlung, namentlich mit den unbekannten Objekten zu arbeiten. Können sie mit den vom Museumsteam ausgewählten unbekannten Objekten etwas anfangen? Was sind ihre eigenen unbekannten Objekte in der Sammlung? Mehr noch, wenn man das Museum der Dinge metaphorisch als Objekt versteht, wie vertraut ist ihnen und ihrem Umfeld das Museum? Und schließlich die Frage, ob es interessante Nachbarn gibt, die man für den dritten Schritt des Projektes einladen könnte.

Unknown Object, Photo: Armin Herrmann.

Unbekanntes Ding. Foto: Armin Herrmann.

Indem es sowohl mit den “peripheren” Objekten als auch mit der Peripherie des physischen Standortes des Museums arbeitet, stellt das Projekt einen kontextuellen Bezug zum “Cabinet d'Ignorance” her, das sich Anfang des 18. Jahrhunderts im Dresdner Zwinger befand. Als Teil des Mathematisch-Physikalischen Salons wurde das “Cabinet d'Ignorance” für jene Objekte geschaffen, die nicht benannt oder klassifiziert werden konnten und solche, die “von unbekannter Natur sind, Petrifikationen, Tiere oder Monster, deren Namen und Wesen nicht bekannt sind” [London Antiquariat, John Milles, (S. 114/217)], und “für die die Besucher angehalten waren, eine Bezeichnung vorzuschlagen” (Bedini 1965: 11).

Das “Cabinet d'Ignorance” steht dem Bestreben nach Taxonomie in der traditionellen westlichen Museologie sowohl befürwortend als auch ablehnend gegenüber. Es ist ein Kabinett, das hervorhebt, dass einige Objekte im Museum nicht klassifiziert werden können oder einfach gesagt: unbekannt sind. Gleichzeitig aber führt die bloße Anerkennung dieses Umstandes selbst zu einer Taxonomie unbekannter Gegenstände. Das Museum der Dinge, das museologisch sehr viel offener agiert als viele andere Institutionen, macht mit dem Projekt deutlich, dass die Motivation hinter dem historischen "Cabinet d'Ignorance" immer noch relevant ist. Und da es offen für eine Objektbestimmung durch die Besucher ist, bietet das Projekt die Möglichkeit, den museologischen Kontext um einen partizipativen Ansatz zu erweitern, der die kommunale Inklusion sowohl für das Museum als auch für die Community fördert.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Projekt nicht den Objekten, die normalerweise im Fokus der Sammlung stehen, sondern jenen Objekten, die sich an der Peripherie befinden. Ebenso steht nicht das Museum im Mittelpunkt, sondern seine Umgebung auf der Oranienstraße. Wie der finnische Architekt Juhani Pallasmaas über Architektur sagte, "bezieht uns der periphere Blick in den Raum ein, während der fokussierte Blick uns aus dem Raum heraus schiebt und uns zum Zuschauer macht" (13). Und so bezieht das Projekt die periphere Umgebung des Museums ebenso mit ein wie seine Sammlung. 

Unknown Object, Photo: Armin Herrmann.

Unbekanntes Ding. Foto: Armin Herrmann.

Durch die genannten partizipativen Strategien soll eine engere Beziehung zu einem aktivierten und nicht bloß passiv konsumierenden Publikum geschaffen werden. Im Einklang mit dem Projekt fährt Pallasmaa in seinem Buch “Die Augen der Haut” fort: “Der defensive und unfokussierte Blick unserer Zeit, belastet durch sensorische Überladung, kann schließlich neue Seh- und Denkräume eröffnen, die von dem impliziten Verlangen des Auges nach Kontrolle und Macht befreit sind. Der Verlust des Fokus kann das Auge von seiner historischen patriarchalischen Domäne befreien.”

* Der Titel des Projektes stammt aus Johann Georg Keysslers Buch “Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, Schweiz, Italien und Lorrain”, das 1757 veröffentlicht wurde und in dem er das  “Cabinet d’Ignorance” in Dresden beschreibt. “Quantum est quod nescimus” ist auch der Titel eines Gedichts des deutschen Dichters Andreas Gryphius, in dem es heißt: “Wissenschaft ist Täuschung.” Er war bekannt dafür, dass er eine Anstellung als Professor ablehnte.


Der Berliner Schlüssel

Der Berliner Schlüssel ist ein zweiseitiger Schlüssel, der “dazu bestimmt war, die Menschen dazu zu zwingen, ihre Türen zu schließen und zu verriegeln (in der Regel eine Haupteingangstür oder ein Tor, das in einen gemeinsamen Hof oder ein Mietshaus führt).” Das Besondere an dem Berliner Schlüssel ist, dass er an den Enden zwei identische Bärte (der Teil, der den Bolzen aktiviert) hat anstatt des üblichen einzelnen Barts. Nach dem Aufschließen des Schlosses wird der Schlüssel ganz durch das Schloss hindurchgeschoben und auf der anderen Seite der Tür herausgezogen, nachdem diese wieder verriegelt wurde. Der Mechanismus macht es unmöglich, den Schlüssel herauszuziehen, wenn die Tür entriegelt ist. Die Verriegelung einer offenen Tür ist auch in der Regel nicht möglich.

Der Schlüssel wurde von dem Berliner Schlossermeister Johann Schweiger erfunden und ab 1912 von der Firma Albert Kerfin & Co GmbH in hoher Zahl hergestellt. Mit dem Aufkommen moderner Schließsysteme wurde diese Art von Schloss und Schlüssel jedoch immer seltener, sie kann aber gelegentlich auch heute noch in Berliner Mietshäusern gefunden werden.

Der Schlüssel sollte den Hauswart, dessen Aufgabe es war, die Tür während der Nacht zu öffnen, ersetzen. Diese Interaktion zwischen dem Hauswart und den Mietern kam zu einem Ende, als der Grundstückseigentümer den Hauswart durch einen Schlüssel mit zwei identischen Bärten austauschte, um die Kontrollmechanismen zum Betreten und Verlassen des Gebäudes zu rationalisieren. Der Schlüssel wurde ein Objekt, das dem Mieter den Zutritt zu seinem Haus nur erlaubt, wenn er/sie die Regeln des Schlüssels befolgt.

Mit seinen beiden identischen Bärten und dem metallenen Steg in der Mitte ist dieser Teil der Schlüsselaspekt einer Diskussion, die das Ganze in zwei Teile teilt. Diese Diskussion und diesen Diskurs arbeitet Bruno Latour in seinem Buch “Der Berliner Schlüssel” heraus.

Latour befasst sich mit diesem einzigartigen “Ding”, das nur in Berlin existiert, als Objekt, das eine Regel diktiert und aufstellt. Auch wenn er nur in der Hosentasche seines Besitzers  ruht, spiegelt der Schlüssel eben jene Mentalität wider, die für eine Technologie steht, die für eben jenen Kontrollmechanismus entwickelt wurde. Der Zweck des Berliner Schlüssels und für was er steht ist tief in sein Wesen eingeschrieben. 

“Der Berliner Schlüssel, die Tür und der Hauswart befinden sich in einen erbitterten Kampf um Kontrolle und Zugang. Können wir sagen, dass die sozialen Beziehungen zwischen Mietern und Eigentümern, oder Bewohnern und Dieben, oder Bewohnern und Lieferanten, oder Hausbesitzern und Hauswarten vermittelt werden über den Schlüssel, das Schloss und den “preußischen Schlosser?” fragt Bruno Latour in seinem Buch "Der Berliner Schlüssel: Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften” (S. 23).

Der Schlüssel mit doppeltem Bart öffnet die Tür von beiden Seiten und eröffnet zwei unterschiedliche Perspektiven. Er steht für eine Reihe binärer Teilungen: Innen und Außen; Mieter und Besitzer; Institution und Publikum; diejenigen, die in Wohnungen leben und diejenigen, die sich leisten können, ein Haus zu kaufen. Ebenso wie Zugang und Kontrolle durch eine Regierung bei Visa und Pässen (auch eine Form von “Schlüssel”) ausgeübt wird, so spiegeln diese Genehmigungen für "Andere" auch eine außenpolitische Haltung wider. Und ebenso wie Alarmsysteme in Geschäften und Einkaufszentren den Bedarf an Sicherheitskräften reduzieren und Mauern zwischen den Menschen den Zustand der Innenpolitik verdeutlichen, oder Genehmigungsstempel auf Dokumenten für ähnliche Institutionen, so steht der Berliner Schlüssel für den Machtmechanismus innerhalb einer abgesteckten Hausgemeinschaft.


Berliner Schlüssel, Photo: Armin Herrmann.

Berliner Schlüssel, Foto: Armin Herrmann.

Literatur
Bedini, Silvio A. The evolution of science museums. Technology and Culture, Vol. 6, No. 1, Museums of Technology (Winter, 1965), pp. 1-29  
Juhani, Pallasmaa. The eyes of the skin: architecture and the senses. Chichester: Wiley, 2014.
Latour, Bruno. "The Berlin Key or How to Do Words with Things". Routledge. Retrieved 5 March 2013.

Gastkuratorin/Projektleitung: Ece Pazarbaşı
Projektassistenz: Juliane John